Auszug aus:
Pastor G. Arndt (? - ?)
Chronik von Halberstadt von 1801 - 1850
Halberstadt 1908, Seite 42 ff.

[1813]
.......
Aus Besorgnis vor den umherstreifenden
Kosacken wurden am 29. Mai die Tore der Stadt geschlossen, und
bereits am 30. Mai 1813 erschien Czernitschef mit seinen
Kosacken und russischen Dragonern, etwa 1000 Mann stark, vor der
Stadt. Während in der Morgendämmerung einzelne seiner leichten
Schar die Stadt umschwärmten und hier und da in die Tore ritten,
umritt er selbst mit dem Hauptkorps die Abendseite der Mauern
und griff darauf vor dem Burcharditore das starke Viereck von
Kanonen so unerschrocken und ungestüm an, daß er, das Auffliegen
einiger Pulverwagen schnell benutzend, 14 Kanonen und 80
Munitionswagen erbeutete. Das Heu- und Strohmagazin wurde in
Brand gesteckt und einige Franzosen, die sich darin versteckt
hatten, verbrannten. Morgens um 9 Uhr jagte der Befehlshaber der
dritten Militärdivision General Ochs mit 40 Gendarmen und 80
Invaliden durch das Johannistor über den Holzmarkt durch den
Brotscharren über den Fischmarkt durch das Kühlingertor nach
Wegeleben zu; aber die Kosacken waren den Fliehenden so auf den
Fersen, daß sie die letzten mit ihren Lanzen erreichen konnten.
Viele sanken durchstoßen von ihren Pferden und auf dem
Galgenplane vor dem Kühlingertore wurden die Franzosen so rasch
umzingelt, daß General Ochs sich gefangen geben mußte und der
Rest seiner Leute das Gewehr streckte.
Das Exerzierhaus enthielt reiche Vorräte in vielen Kisten mit
Militär-Effekten, Mehl und Schiffszwieback, welche dem Volke von
den Siegern freigegeben wurden. Nachmittags um 1 Uhr
versammelten sich die Kosacken und Dragoner vor dem Breitentore,
wohin ihnen das Mittagessen gebracht werden mußte, das sie auf
dem Pferde sitzend verzehrten. Eine halbe Stunde darauf ritt
eine Abteilung französischer Lanziers von Braunschweig kommend
im Trabe um die Stadt und verfolgte die Kosacken auf dem Wege
nach Wegeleben. Letztere machten sofort kehrt und zwangen die
Franzosen, sich auf Halberstadt zurückzuziehen; einige Wagen
voll Verwundeter, die sie mitbrachten, wurden in das Lazarett
auf dem Burchardikloster geschafft. Mittags traf die Nachricht
ein, daß unter dem Oberkommando von Stinze 16.000 Mann von
Braunschweig gegen Halberstadt anrücken; aber Czernitschef wußte
diese Schar mit einigen Kosacken-Pulks einen ganzen Tag
aufzuhalten, bis er Zeit gewonnen hatte, seine stattliche Beute
in Sicherheit zu bringen. Auch ein französisches
Infanterie-Regiment rückte nachmittags ein und lagerte auf dem
Domplatz und unter dem Zwicken. Die Soldaten waren gänzlich
ermattet und lagen auf der bloßen Erde; sie wurden nicht
einquartiert und marschierten in der Nacht wieder zurück. Sie
hatten 80 Pulverwagen mitgebracht und auf dem Fischmarkt
aufgestellt, wodurch die Stadt in große Gefahr kam. Die
Pulverwagen fuhren in der Nacht fort, nachdem ihre Räder mit
Stroh und Lappen umwunden waren. Am 31. Mai wurden die auf dem
Anger getöteten Franzosen begraben. Zwei Kosacken, welche bei
dem Gefecht auf dem Anger geblieben, fanden neben dem Garten des
Braunschweiger Chausseehauses ihre Ruhestätte. An der Ostseite
des Grabhügels steht ein Stein, der von den hier ruhenden
Kriegern Kunde gibt. In derselben Nacht erschien hier Theodor
Körner mit vier reitenden freiwilligen Jägern vom Lützow'schen
Korps, um sich bei dem Kommerzienrat Sußmann einen Wechsel
zahlen zu lassen.
Am 1. und 2. Juni kamen mehrere Kosacken-Datachements durch die
Stadt und am 18. Juni langte Jérôme hier an, nahm in der
sogenannten neuen Präfektur (Domdechanei) Wohnung, ließ sich am
folgenden Tage die Behörden vorstellen und reiste am 21. Juni
nach Halle a. S. weiter, nachdem er der Stadt mehrere Geschenke
gemacht hatte, u. a. die alte Präfektur, die zum Stadthaus
eingerichtet wurde. Der König ritt jeden Abend spazieren und
ließ sich vom Oberst Melzheimer auch die Stelle zeigen, wo die
Kosacken die Kanonen genommen hatten.
Am 3. Juli kam General Vandamme hier an.
Am 24. September zog ein Korps Kosacken, etwa 500 Mann, unter
Anführung des Obersten v. Löwenstern durch die Stadt, lagerte
auf dem Burchardianger und marschierte am 26. weiter. Die
Ankunft von 14 Mann preußischer Landwehr am 27. September rief
unter dem Volke großen Jubel hervor. Sie hielten mit ihren
Pferden auf dem Holzmarkte und wurden mit Speisen und Getränken
aufs freundlichste bewirtet.
Am 6. und 14. Oktober kamen kleinere Abteilungen zu 30 Mann
Kosacken, ritten aber bald wieder fort.
Am 18. Oktober langte Czernitschef abermals mit seinen Kosacken
an, lagerte vor dem Harslebertore und führte den Maire
Cunow mit sich fort.
Anfang Oktober waren zwei Offiziere von der Lützow'schen
Freischar im Auftrage des Hauptmanns v. Wulffen hierher
gekommen, mit Namen Rand und Normann, in der Absicht,
Freiwillige zu sammeln. Jüngere und ältere entschlossene Männer
ließen sich anwerben und hätten bald in großer Anzahl dem Feinde
entgegengeführt werden können, wenn es nicht an Pferden und
Equipierung gefehlt hätte. In dieser Zeit erfuhr man, daß
französische Reiter in (Groß-)Oschersleben brandschatzten.
Sofort ritten die kühnen Offiziere mit 50 Freiwilligen,
größtenteils wie Kosacken gekleidet auf geliehenen Pferden nach
Oschersleben und sprengten in die Straßen, als die Franzosen
auch schon die Flucht ergriffen. Die kleine Schar kam mit 30
erbeuteten Pferden siegestrunken zurück. Als das v. Wulffen'sche
Freikorps vollzählig war, bestand es aus 400 Mann zu Fuß und 70
Berittenen. Die hiesige Freimaurerloge hatte die Bedürftigen
einkleiden lassen und vermittelt, daß sie auch Waffen erhielten.
Nach der Völker-Schlacht bei Leipzig und dem Siege der
Verbündeten über Napoleon rückte am 29. Oktober Major Hellwig
mit preußischen Truppen hier ein und nahm im Namen des Königs
von dem Lande Besitz. Hellwig war der Sohn eines am Karolineum
zu Braunschweig angestellten Professors und Hofrats und war aus
Vorliebe für das Heer als Husar in preußische Dienste getreten.
Der König hatte ihm gestattet, eine Freischar ins Feld zu
stellen, für welche die 3. und 4. Schwadron des zweiten
schlesischen Husaren-Regiments den Stamm bildete, nachdem die
beiden ersten Schwadronen im Feldzug gegen Rußland 1812 fast
aufgelöst waren. Zu diesen Husaren gesellte sich im Laufe des
Feldzugs eine tüchtige Schar reitender Jäger und ein Detachement
freiwilliger Büchsenjäger, junges kriegslustiges Volk, und
außerdem ein ungefähr 800 Mann starkes, aus vier Kompagnien
bestehendes Bataillon Fußvolk, das größtenteils aus
westfälischen und anderen Gefangenen bestand. Einer der
Hauptleute hieß Kilburger, ein geborener Halberstädter, der in
dem Gefecht bei Louvain fiel. Als sich die Freischar der Stadt
näherte, eilten ihr Tausende nach Blankenburg entgegen, um sie
schon vor ihrem Einzuge zu begrüßen. Am 29. Oktober rückte diese
Schar unter lautem Jubel in die Stadt ein. Vor dem Johannistor
wurde dem Major Hellwig ein Lorbeerkranz überreicht. Das Volk
begann mit den Glocken aller Kirchen zu läuten, um den Einzug
noch feierlicher zu gestalten. Unter dem Geläut der Glocken
bewegte sich der Zug nach dem Markte, die Straßen waren mit Sand
und Herbstblumen bestreut. Über der Accise am Holzmarkt wurde
der preußische Adler sichtbar und der Jubel des Volkes klang in
einem Choral aus, welcher der Dankbarkeit gegen Gott und der
Liebe zum Vaterland und Herrscherhause Ausdruck gab. - Aus allen
Ständen, in den verschiedensten Lebensaltern eilten Freiwillige
herbei und das Hellwig'sche Korps wuchs mit jedem Tage. Erst am
7. November wurde in allen Kirchen das Dankfest für den
glorreichen Sieg bei Leipzig gefeiert.
Zur Aufnahme des Militärgouverneurs General
v. Krusemarck wurde im November die v. Spiegel'sche Kurie
eingerichtet; doch wurde an seiner Stelle der frühere Oberst v.
Ebra Militärgouverneur, der die Domdechanei (sogenannte neue
Präfektur) als seine Wohnung bezog.
Zum Besten der Freiwilligen gab die
Singakademie am 22. November ein patriotisches Konzert am
"Goldenen Engel" (Bär gehörig), bei dem auch Major Hellwig
zugegen war.
Am 25. November kamen 100 Mann Baschkiren,
mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, hier an.
Am 30. November wurden ein Teil des
Magdeburger Gebiets und andere Länderteile vorläufig dem
Ziviltribunal zu Halberstadt überwiesen.
In den Tagen vom 5. bis 7. Dezember wurde das Militärgouvernement der Provinz zwischen Elbe und Weser von Halle nach Halberstadt verlegt.